
TETRA Pilotversuch Aachen
Ausgangssituation
Mit dem Schengener Abkommen haben sich die Europäischen Staaten darauf verständigt, einheitliche Telekommunikationssysteme für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), wie z.B. Polizei, Feuerwehr und Zoll, einzuführen. Auf diese Weise soll nach dem Wegfall der inner-europäischen Grenzen die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ländern, aber auch zwischen verschiedenen BOS-Organisationen verbessert werden.
Auf der Grundlage dieser Entscheidung wurde von den Mitgliedern der ETSI (European Telecommunications Standards Institute) der neue Bündelfunk-Standard TETRA (TErrestrial Trunked RAdio) entwickelt. Die Anwenderzielgruppe von TETRA beschränkt sich dabei nicht nur auf die Organisationen der öffentlichen Sicherheit, sondern umfasst z.B. auch Anwender aus den Bereich Transport und öffentliche Verkehrsunternehmen.
In Frankreich wurde von der französichen Firma Matra Nortel Communications im Auftrag der Police Nationale das Bündelfunksystem TETRAPOL entwickelt, das auf die Bedürfnisse der Sicherheitskräfte angepasst ist.
Beide Bündelfunksysteme sind als Plattformen für den Betrieb nationaler Funknetze in Gebrauch. Sie bieten Dienste wie digitale, verschlüsselte Sprachübertragung, verbindungsorientierte und verbindungslose Datenübertragung. Mögliche Sprachdienste sind:
- Einzelruf: Punkt-zu-Punkt-Verbindung (PtP) zwischen einem rufenden und einem gerufenen Teilnehmer
- Gruppenruf: Punkt-zu-Multipunkt-Verbindung (PMP) zwischen rufendem Teilnehmer und einer über eine gemeinsame Gruppennummer angewählte Gruppe.
- Notruf: Nach Auslösen eines Notrufes durch einen Teilnehmer wird von dem Endgerät des Teilnehmers ein Status versendet. Die Leitstelle kann daraufhin einen offenen Kanal aktivieren oder ein Gespräch mit hoher Priorität zu dem rufenden Teilnehmer aufbauen.
- Direktruf: PtP-Verbindung zwischen zwei Mobilgeräten ohne Nutzung der Netzinfrastruktur.
- Runkfunkruf: PMP-Verbindung, bei der die über einen offenen Kanal angewählten Teilnehmergruppen dem rufenden Dispatcher nur zuhören können.
Damit kann die neue Bündelfunktechnik sowohl die bestehenden analogen Funknetze als auch den Einsatz anderer Telekommunikationstechniken wie z.B. GSM, Fax und Telephonie ablösen.
Nachdem im Jahre 1998 in einem ersten Pilotversuch im Raum Berlin/Brandenburg die generelle Eignung von TETRA nachgewiesen wurde, wird die neue Technik in einem staatenübergreifenden Pilotbetrieb getestet. Die Eignung der Systemtechnik im praktischen Einsatz sowie für die länderübergreifende Kommunikation steht also auf dem Prüfstand. Bei der Ausschreibung zum Pilotversuch Aachen, an dem sich sowohl TETRA- als auch TETRAPOL-Hersteller beteiligt haben, ist auf der Grundlage einer technischen Bewertung der Angebote ein TETRA-System ausgewählt worden. Der Pilotbetrieb wird Mitte 2001 beginnen und 2 Jahre dauern.
Versorgungsgebiet
Das geplante Versorgungsgebiet schließt die Stadt und den Kreis Aachen mit einer Fläche von 715 km² und einen zusätzlichen Bereich mit einer Breite von 10 km parallel zur deutschen Grenze zu den Niederlanden und Belgien ein. Das Versorgungsgebiet umfasst Flachland mit Höhenzüge bis 600 m. Die eingeschlossene Grenze zu Belgien ist 50 km lang, die zu den Niederlanden 35 km.
Zusätzlich sind 35 km deutscher Autobahnen in dem Versorgungsgebiet eingeschlossen, weshalb auch die Autobahnpolizei und die zuständige Bezirksregierung Köln in das Pilotprojekt eingebunden sind.
Innerhalb des Versorgungsgebiets liegt das Klinikum Aachen, für das die Gebäude-Innenversorgung untersucht werden wird. Weitere funk-technische interessante Objekte sind der Tunnel in Stolberg, die Rur-Talsperre und das Gebiet um Herzogenrath.
Das Pilotprojekt schliesst die Feuerwehr und medizinischen Rettungsdienste von Stadt und Kreis Aachen, Landes- und Bundespolizei, Zoll und Verfassungsschutz ein.
Systembeschreibung
Das geplante System schließt zwei Teilnetze ein, mit denen die Interoperabilität von Hardware verschiedener Hersteller untersucht werden kann. Zwei Leitstellen für die Feuerwehr (Stadt und Kreis Aachen), eine für die Polizei und eine für den Zoll werden enthalten sein. Das bestehende analoge Funknetz wird über ISDN integriert.
Beiträge von ComNets
Die Aufgaben von ComNets bei der Begleitung des Pilotversuchs Aachen umfassen u.a.:
- Einsatz von professionellen Werkzeugen zur systematischen Untersuchung der Eignung des ausgewählten TETRA Systems für die geforderten Anwendungen,
- Werkzeugbasierte Funk- und Festnetzplanung,
- Werkzeugbasierte Aussagen zur Funkverträglichkeit zwischen analogen und digitalen PMR-Systemen,
- Durchführung von Messungen zur Qualitätsbeurteilung der Funkversorgung und des Funksystems,
- Mitwirkung bei der Spezifikation und Begleitung bei der Implementierung der Festnetzschnittstelle für die Kopplung von TETRA und TETRAPOL Systemen,
- Analyse des Netzmanagements und Auswertung von Mängelberichten.
Untersuchungsszenarien
Die folgenden Verkehrsszenarien werden in dem Pilotprojekt getestet werden, da diese typische Anwendungen darstellen oder in dem analogen Funknetz bisher nicht möglich waren:
- Lokaler Funkverkehr einer großen Gruppe mit Mobilität über die Systemgrenzen hinweg,
- Kleine Gruppe im Direktmodus außerhalb der Funkversorgung,
- Kleine Gruppe mit zusätzlicher mobiler Basisstation außerhalb der Versorgung des Funksystems,
- Datenübertragung,
- Notruf mit Priorität,
- Telephonieverkehr über ein ISDN Gateway ins öffentliche Netz,
- Kopplung des analogen Netzes der deutschen BOS mit angrenzenden Behörden der Niederlande und Belgiens,
- Lokaler Funkverkehr von Luftfahrzeugen (typischerweise Helikopter),
- Paging.