Im Herbst 1964 bezogen zwölf Kolibris, die ich selbst aus Ecuador eingeführt hatte, meine Tropenvoliere mit über 100 cbm Flugraum. Es war eine Zeit in der bereits viele die Versuche der Kolibrihaltung als nicht machbar wieder eingestellt hatten. Einige gaben nicht so schnell auf, und versuchten in allen Richtungen, besonders über eine bessere Zusammenstellung des Futters die Haltebedingungen zu verbessern. Allerdings zählten sie nach den Aussagen unseres Präsidenten vom Trochillus, Manfred WITTMANN das Leben ihrer Kolibris im Anfang nach Tagen oder höchstens Wochen.
Ich machte in den Jahren ab 1962 einen grundsätzlich anderen Anfang ohne einen einzigen Kolibri. Im Alleingang überlegte und plante ich, da ich nirgendwo Unterstützung fand. Besonders beschäftigte mich die Frage: Warum bereitet die Haltung von Kolibris bis dato allen soviel mehr Schwierigkeiten, als die Haltung anderer Vogelarten. Ich erinnere mich an viele Besucher, man gab sich förmlich die Tür in die Hand, nachdem ich mit dem Bau der Tropenvoliere begonnen hatte.
So z.B. ein Geologe, auf dem Weg nach Düsseldorf, vor dem Abflug nach Südamerika. Er hatte die Kolibrihaltung bereits wieder eingestellt. Aus seiner Sicht hatte er alles versucht, jedoch ohne Erfolg, so das er resignierte. In einem kurzen Gespräch stellten wir dann schnell fest, daß er längst nicht an alles gedacht hatte, was ich beim Bau der Voliere geplant und verwirklichte.
Tatsache ist, daß ich nach Inbetriebnahme der Voliere, die Sache der Kolibrihaltung gemeistert hatte. Die allerersten Kolibris wurden bei mir schon sehr alt. Bis heute zähle ich mich nicht zu den Verbrauchern, die jede Gelegenheit nutzen, und immer wieder neue Kolibris einkaufen.
Mit dem Alter der Vögel hatte ich in den ersten Jahren manchmal interessante Begebenheiten. Der Zoo in Münster wollte von mir einige Amazilien übernehmen. Das Interesse war aber sofort dahin, als man hörte, daß die Vögel schon fast fünf Jahre in meiner Voliere gelebt hatten. Erst als ich dem Zoodirektor Dr. REICHLING erklärte, daß einige der Kolibris fast zehn Jahre bei mir waren, und er sie noch topfit bewundern konnte, nahm er die Vögel mit.
Auch vom Vogelpark Walsrode standen seinerzeit drei Vogelpfleger mit ihrem wissenschaftlichen Leiter Dr. MELCHIOR vor der Tür. Sie nahmen damals aus Metelen einiges mit. Bei meinem nachfolgendem Besuch in Walsrode waren nämlich alle Kolibris ihren Glasvitrinen entnommen und in größere, luftigere Volieren umgezogen.
Das heutige Wissen in Sachen Kolibris lieferten mir die Vögel selbst, nachdem ich seit 1984 der Tropenvoliere eine Außenanlage mit ca. 120 cbm Flugraum angeschlossen hatte. Während des folgenden Sommers konnten die Kolibris selbst wählen, wo sie sich aufhalten und übernachten wollten. Da gab es manche Überraschung. Auch für mich, der ich bereits 20 Jahre Kolibris gehalten hatte, wurde einiges auf den Kopf gestellt.
Ich musste feststellen, daß man vieles in Sachen Kolibrihalten jahrelang völlig falsch gedacht hatte, sehr zum Schaden der an sich robusten Kolibris. So tätigte z.B. Colibri coruscans gleich im ersten Jahr, bei denkbar schlechtem, kühlem Wetter seine erste erfolgreiche Zucht in der Freivoliere. Zwei Nachtfröste von minus drei Grad hat der Jungvogel schadlos in seinem Nest überstanden, bevor er am 30. Okt. 1984 ausflog. Interessante Erfahrungen machte ich auch mit sehr viel kleineren Arten aus tropischen und subtropischen Lebensräumen, z.B. Chlorostilbon aureoventris und Amazilia amazilia alticola.
Mit Patagona gigas, dem Riesenkolibri, hatte ich ein Erlebnis besonderer Art. Natürlich wußte ich, daß dieser Kolibri infolge seines Lebensraumes an Härte wahrscheinlich von keiner Kolibriart übertroffen wird. Nur einige wenige werden da noch mithalten können. Meine Erwartungen hat dieser Vogel jedoch weit übertroffen. Fünf Jahre bewohnte er seine Außenvoliere mit beheiztem Schutzhaus, in dem sein Futtergefäß hängt. In den ersten Jahren übernachtete er ausschließlich, auch bei minus 19 Grad Celsius, in der Freivoliere.
Ins schleudern geriet mein bisheriges Wissen bezüglich Torpidität, als mir dieser Vogel ca. drei Stunden vor Beginn des Tages, beim Betreten der Außenvoliere entgegen geflogen kam. Es war ein Wintermorgen um 4:45 Uhr und 19 Grad kalt, als ich vorsichtig die Tür öffnete. Da der Vogel an seinem Ast hing, glaubte ich, ihn wie ansonsten einen torpiden Kolibri abnehmen zu können. Von Torpidität konnte da allerdings nicht gesprochen werden, denn er reagierte sehr schnell. Da gibt es Fragen, die noch zu klären sind. Da Versuche nicht meine Sache sind, werde ich nie eine sichere Prognose abgeben können. Irgendwann und irgendwo werden aber Fachleute und Feldornithologen und Wissenschaftler herausfinden, wann und bei welchen Temperaturen Patagona gigas die Torpidität als lebensrettende Chance nutzt, und wie schnell oder langsam er daraus erwacht.